Restaurierung von Faust.

 

Was ist so Besonderes an dieser FAUST-Version und wodurch unterscheidet sie sich von den bisher verbreiteten Kopien des Klassikers von 1926? Absolut in allem.
Während der Dreharbeiten sichtet Friedrich Wilhelm Murnau täglich die Muster und verbessert anschließend einzelne Szenen durch Änderungen in der Regieführung, den Kamerapositionen, der Spezialeffekte etc. Von den vielen Aufnahmen, die gleichzeitig mit zwei Kameras entstanden, wählt er die besten für die Montage des deutschen Negativs und sortiert die minderwertigen aus.
Die ausgemusterten Takes jedoch werden – wie in dieser Zeit üblich – zur Montage weiterer für den Export vorgesehener Negative verwendet. Die Kopien, die von diesen Negativen hergestellt wurden, sind heute leider diejenigen, die am meisten verbreitetet sind. Doch der von Murnau gewünschte Rhythmus des Films und sein Regiestil sind allein in den von ihm ausgewählten und montierten Takes überliefert.
Die Outtakes der anderen Versionen sind meistens von minderwertiger Qualität: die Darsteller überzeichnen oder stolpern, statt künstlicher Schneeflocken kommen Federn, statt eines echten Bären kommt ein als Bär verkleideter Mann zum Einsatz.
Nur die amerikanische Version, die Murnau persönlich in den MGM Studios in Culver City herstellt, hat eine dem deutschen Original vergleichbare Qualität. Das von Murnau in Deutschland montierte Negativ ist nur noch in Form einer durch Schnitte entstellten Version mit dänischen Zwischentiteln erhalten. Für die Rekonstruktion des Films konnte jedoch das von Murnau montierte Originalnegativ der amerikanischen Fassung verwendet werden.
Für die Rekonstruktion wurden sieben verschiedene Materialien benutzt:
- das amerikanische Originalnegativ aus dem Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin/ Koblenz,
- das Originalnegativ der französische Fassung aus dem Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin/ Koblenz
- ein Originalnegativ zusammengestellt aus ursprünglich verschiedenen Originalnegativen aus einer Überarbeitung durch die Ufa 1931 aus dem Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin/ Koblenz,
- ein Dup-Positiv der MGM Turner Archive in Los Angeles, welches vom Sicherheitsnegativ des amerikanischen Originalnegativs kopiert wurde,
- eine Nitrokopie von 1926 vom deutschen Originalnegativ mit dänischen Zwischentiteln aus dem Danske Filmmuseum Kopenhagen,
- ein 1948 hergestelltes Nitro-Dupnegativ derselben Kopie, das vollständiger ist als die Kopie heute und
- eine Lavendelkopie aus dem Deutschen Filminstitut – DIF, Frankfurt/ Main sowie Teile eines anderen Negativs für den ausländischen Vertrieb.

Nachdem die Originalmaterialien recherchiert waren, begann die Arbeit an der Rekonstruktion, bei der die verschiedenen Versionen Einstellung für Einstellung verglichen wurden.
Da für die Rekonstruktion das amerikanische Originalnegativ durch Materialien späterer Generation ergänzt wird, muss bei der technischen Auswahl eine Einheitlichkeit der fotografischen Qualität der aus verschiedenen Quellen stammenden Teile gewährleistet werden - eine zeitaufwendige und sehr komplexe Arbeit, die bei L’Immagine Ritrovata in Bologna durchgeführt wurde.
Als Murnau die USA am 22. Juni 1926 erreicht, um vor Ort an der Montage des amerikanischen Negativs zu arbeiten, ist die deutsche Version von FAUST nahezu fertig gestellt. Die Zwischentitel bereiten jedoch Probleme: ihr Hintergrund ist so lichtstark und überblendet die Texte derart, dass ihre Lesbarkeit beeinträchtigt ist. Der Produzent Hans Neumann retuschiert die Titel im Juli, entfernt dabei aber einen Großteil der Hintergrundgestaltung und ändert zudem den Text vieler Zwischentitel. Unzufrieden mit dem Ergebnis, zieht er den Dichter Gerhard Hauptmann für neue Zwischentitel in Reimform zu Rate, die aber niemals zum Einsatz kommen, da diese bis zur Premiere nicht fertig gestellt werden können.
Schließlich stellt Neumann Zwischentitel mit einfacher Schrift auf schwarzem Hintergrund und in geänderter Textfassung her. Der Text dieser Titel ist durch eine Zensurkarte vom 26. Oktober 1926 überliefert.
Die nach Murnaus Anweisungen gestalteten Zwischentitel dagegen sind als Blitztitel im Negativ der französischen Version überliefert. Aufgrund ihres schlechten Erhaltungszustandes wurden sie digital restauriert.

Luciano Berriatúa


 

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