Restaurierung von Der Mann, dem man den
Namen stahl.
Unbekannter Staudte im Bundesarchiv entdeckt
Ein Jahr vor Kriegsende erhielt Wolfgang Staudte die Möglichkeit,
nach AKROBAT SCHÖÖN seinen zweiten Spielfilm zu realisieren.
Die Dreharbeiten für die Satire DER MANN, DEM MAN DEN NAMEN STAHL
begannen im April 1944 mit großem Staraufgebot. Axel von Ambesser
spielte den Verkaufsangestellten Fridolin Biedermann, der die Tochter
seines Chefs ehelichen will und in die Mühlen der unerbittlichen
Bürokratie gerät. Hubert von Meyerinck verkörperte einen
gewieften Heiratsschwindler, der von Paul Henckels als Privatdetektiv
Dr. Heimlich zur Strecke gebracht wird. Des Weiteren waren Elisabeth
Flickenschildt, Aribert Wäscher und Gretl Schörg zu sehen,
oder vielmehr per Annonce für das Frühjahrsprogramm 1945 avisiert.
Denn dieser Film wurde niemals uraufgeführt, obwohl er bereits
der Filmprüfstelle zur Abnahme vorlag.
Über die Gründe der Nichtveröffentlichung gehen die Meinungen
der Filmhistoriker auseinander. Dr. Alfred Bauer erwähnt den Film
in seinem Standardwerk als unvollendet. Horst Knietzsch dagegen bezeichnet
das Filmwerk als „abgeschlossen, jedoch als teilweise verschollen“.
Regisseur Staudte behauptete in einem Interview, dass DER MANN, DEM
MAN DEN NAMEN STAHL im Frühjahr 1945 verboten wurde. Diese Aussage
korrespondiert mit der Tatsache, dass Staudte nach den Dreharbeiten
von der Ufa für die Front freigestellt wurde und nur auf Intervention
von Heinrich George verschont blieb.
Wie bereits Kraft Wetzel in der Publikation „Zensur - Verbotene
deutsche Filme 1933 – 1945“ ausführlich vermerkte,
sollte der Staudte-Film nach Verzögerungen in der Endfertigung
im Januar 1945 der Reichsfilminstanz zur Genehmigung vorliegen. „Unerklärlicherweise
verliert sich die Spur des Films in dem vorliegenden Aktenmaterial mit
dem Zensurtermin im Januar 1945“.
Das im Staatlichen Filmarchiv der DDR eingelagerte Schnittmaterial zu
diesem Film umfasste 56 Rollen Bild- und 23 Rollen Tonnegativ. Der Überlieferungszustand
des Nitromaterials konnte auch nach fünfzig Jahren trotz einiger
Schichtabnutzungen als gut bezeichnet werden. Erste Sichtungen ergaben
die Existenz eines vollständig abgemischten Tonnegatives, das eindeutig
auf die Endfertigung des Films hinwies. Leider blieb das dazugehörende
Bildnegativ unauffindbar, so dass aus dem vorgefundenen Schnittmaterial
ein entsprechendes Bildäquivalent vollständig zu rekonstruieren
war.
Das authentische Tonnegativ garantierte zwar, dass die Intentionen der
Filmemacher gewahrt blieben. Es ermöglichte jedoch bei Tonruhe
bzw. längeren Musikpassagen eine gewisse Freizügigkeit in
der Bildgestaltung. Doch ein aufgefundener Bildvorschnitt sollte diese
Bedenken in der ersten Planungsphase ausräumen.
Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung gab als Rechteinhaber freundlicherweise
nicht nur die Zustimmung für die Rekonstruktion, so daß ein
Azetatpositiv als Schnittversion hergestellt werden konnte, sondern
beteiligte sich auch finanziell an dem Vorhaben.
Bereits nach wenigen Schnitten musste der Bearbeiter feststellen, dass
der chronologische Bildvorschnitt nicht synchron war. Mit einer erfahrenen
Schnittmeisterin begann die Suche nach zuklappenden Türen und runtergefallenen
Pantoffeln.
Doch zuerst musste eine effektive Arbeitstechnologie entwickelt werden,
um das Bild - entgegengesetzt der üblichen Verfahrensweise - dem
Ton anzugleichen. Eine Bildsekunde scheint dem Laien eine unerhebliche
Zeiteinheit zu sein, doch Sekundenbruchteile in einzelnen Bildern sind
für einen sauberen Bildschnitt von entscheidender Bedeutung. Bisweilen
waren buchstäblich Stunden notwendig, um mit nur einem Schnitt
endgültig zufrieden zu sein. In anderen Fällen konnten die
dramaturgischen Einfälle und exakten Dreharbeiten der damaligen
Filmemacher nicht genug gelobt werden, die einen sauberen Schnitt mühelos
erscheinen ließen.
Im Normalfall bestimmte das Ende der letzten Szene den exakten Beginn
der nachfolgenden Sequenz, d.h. die Wunschvorstellung des Endes musste
mit dem angeschnittenen Beginn der nächsten Szene überprüft
werden. Oft wurden einzelne Bilder entfernt bzw. hinzugefügt, bis
der Übergang reibungslos erschien.
Doch sobald nur vereinzelte Geräusche oder Musikpassagen eine undeutliche
Orientierung ermöglichten, musste der Bildschnitt im Rahmen des
vorgegebenen Materials dem subjektiven Empfinden überlassen bleiben.
Die gewonnenen Erfahrungen während der Rekonstruktionsarbeiten
lassen sich zu wenigen Erkenntnisse zusammenfassen:
1.) Erste Sichtungen des Schnittmaterials sollten sich auf die Existenz
eines vollständigen Bild- und Tonmaterials konzentrieren. Im günstigsten
Fall sind ein graphisch gestalteter Vor- und Abspann sowie abgemischte
Musikpassagen auf zusätzlichen Tonrollen vorhanden.
2.) Während der chronologischen Bearbeitung des Materials werden
ungeklärte Szenen zunächst durch Blankfilm ersetzt. Die vorhergehenden
Szenen werden etwas länger als vorgesehen in den Blankfilm geschnitten,
da das exakte Ende noch nicht festgelegt werden kann.
3.) Nach der Ermittlung der fehlenden Passagen beginnt die aufwendige
Suche im zusätzlichen Schnittmaterial. Um mehrmaliges Durchrollen
zu vermeiden, werden auf den Büchsen die enthaltenen Bildklappen
mit den durchkopierten Randnummern notiert, die der Schnittmeisterin
ein effizienteres Anlegen des Azetatpositives an das Nitronegativ ermöglichen.
4.) Sofern einzelne synchrone Szenen verschollen bleiben, ist die Kennzeichnung
dieser Filmstellen durch verlängerte Einzelbilder weitaus attraktiver
als ein schwarzes Filmloch. Der vorinformierte Zuschauer ist zwar auf
Beeinträchtigungen des Filmerlebnisses eingestimmt und das Filmrudiment
sollte als solches markiert und nicht vertuscht werden, doch insgesamt
wird der Genuss des Films, und nicht eine Lehrveranstaltung angestrebt.
Die Mühsal der detektivischen Kleinstarbeit an DER MANN, DEM MAN
DEN NAMEN STAHL wurde nach Herstellung des Endschnittes unerwartet belohnt.
Während sich die Schnittmeisterin noch um die exakte Übertragung
des Positivschnittes in das Nitrobildnegativ abmühen musste, sichtete
der Bearbeiter bereits das Schnittmaterial zu dem ebenfalls unvollendeten
UFA-Film DER MANN IM SATTEL von Harry Piel. Zur allgemeinen Verwunderung
waren zwischen den zusammen gewürfelten Bildklappen lang gesuchte
Szenen aus dem Staudte-Film versteckt. Dieses Rätsel löste
sich bei näherem Hinsehen schnell auf. Auf der Klappentafel war
nur die Kurzbezeichnung DER MANN notiert und uneingeweihte Archivmitarbeiter
hatten versehentlich das verstreute Staudte-Material jenem anderen Titel
zugeordnet.
Sofern es einen Schutzheiligen für Filmarchive geben sollte, so
war dies ein überdeutlicher Fingerzeig, sich der verstaubten Filmbüchsen
unidentifizierten Zelluloids anzunehmen.
Holger Theuerkauf
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