Die Hände des Bösen
Die Rekonstruktion des Films ORLAC`S HÄNDE von Robert Wiene

Von der zeitgenössischen Kritik wurde der Film ORLAC`S HÄNDE von Robert Wiene fast einhellig als der wichtigste deutschsprachige Film des Jahres 1925 gefeiert. Gelobt wurde vor allem die geniale Synthese von Phantastischem und Realem, die genaue und plausible Schilderung der psychologischen Motive der handelnden Personen und die herausragenden schauspielerischen Leistungen. Diese Beurteilungen lassen erkennen, dass der Film damals objektiv erkannt wurde als das, was er wirklich war: ein wirkungsvoller, durchaus moderner Thriller mit einem besonderen Augenmerk auf die psychologische Entwicklung der Personen.
Ganz anders als die Filmkritik nach 1945. Wenn ORLAC`S HÄNDE überhaupt Erwähnung fand, dann zumeist als missglückter spätexpressionistischer „Nachzieher“ zu DAS CABINET DES DR. CALIGARI vom gleichen Regisseur. Die wenigen, entfernt an expressionistische Stilelemente erinnernden Szenen wie schief ragende Häuserfronten, übertriebene Mimik und Gestik der Schauspieler, düstere Häuserschluchten werden überbewertet, während die überlange Szene vom Zugunfall, die durch ihren naturalistisch-dokumentarischen Charakter den Zuschauer gleichsam mitten in die Unfallstelle hineinversetzt, fast unbeachtet bleibt. Ebenso unbeachtet bleibt hier, dass die dekorativen Elemente im Film gegenüber der psychologischen Entwicklung der handelnden Personen deutlich zurücktreten.
Dass ORLAC`S HÄNDE nach 1945 zumeist verkannt wurde, ist auf die Überlieferung des Films zurückzuführen. Nachdem die Zensurkarte gefunden wurde, ergab ein Abgleich aller in den europäischen Archiven vorhandenen Materialien (zumeist 16mm Kopien in katastrophalem technischen Zustand), dass jeweils ganze Akte fehlten bzw. dass die Akte in völlig falscher Reihenfolge montiert waren.
Im Jahre 1995 entdeckte das Deutsche Institut für Filmkunde im Filmarchiv Belgrad eine 35mm Kopie mit deutschen Originalzwischentiteln, die der deutschen Originalversion offensichtlich am nächsten kam. In Zusammenarbeit mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die die Rechte am Film hält, entschloss sich das DIF zu einer Rekonstruktion dieses wichtigen deutschen Stummfilms.
Unter Verwendung von weiteren Fragmenten aus dem Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin/ Koblenz, der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und dem Deutschen Filminstitut – DIF, Frankfurt/ Main konnte nun eine inhaltlich folgerichtige und integrale Fassung erstellt werden, die vor allem den psychologischen Entwicklungen der Personen gerecht wird. Vor allem der Konflikt zwischen Orlac und dem Verbrecher Nera wird plausibler, denn dieser Konflikt beginnt, wie man nun sieht, wesentlich früher als in den bisherigen Fassungen. Bereits während seines Krankenhausaufenthalts hat Orlac eine traumatische Begegnung mit Nera, die von nun an handlungsweisend ist. Auch die Komplizenschaft Neras mit der Haushälterin Orlacs, Regine, wird in der vorliegenden Filmfassung deutlicher. Dies ist letztlich der Schlüssel zur Aufklärung des Kriminalfalles durch die Polizei, die in bisherigen Fassungen aufgesetzt und nicht ganz plausibel wirkte.
Obwohl das Innenministerium Sachsens seinerzeit bemängelte, dass der Film wohl dazu führen könnte, den Verbrechern die Umgehung von Polizeimaßnahmen geradezu exemplarisch vorzuführen (dies sicherlich ein Hinweis auf den fast beängstigenden Realismus des Films für die damaligen Zensoren), blieb der Film ORLAC`S HÄNDE von wesentlichen, sinnentstellenden Kürzungen verschont. Dies und die Tatsache, dass die Zensurkarte mit allen Zwischentiteln existierte, erleichterte die Arbeit der Rekonstruktion. Trotz der Verwendung der zahlreichen angegebenen Materialien und der Sichtung weiterer Fassungen fehlen in der vorliegenden Kopie von ORLAC`S HÄNDE noch ca. 8 Minuten. Dennoch liegt nun eine erstmals folgerichtige, inhaltlich stimmige Version des Films vor, die allen Angriffen eines epigonalen Spätexpressionismus standhält und den Film als das erscheinen lässt, was er ist: ein erstaunlich moderner Thriller.
Die Modernität des Themas zeigt sich nicht zuletzt auch dadurch, dass weitere (allerdings schwächere) Verfilmungen dieses Stoffes in verschiedenen Jahrzehnten gedreht wurden: MAD LOVE (GB 1935), Regie: Karl Freund, mit Peter Lorre in der Titelrolle und THE HANDS OF ORLAC (GB 1960), Regie: Edmond T. Greville, mit Mel Ferrer.

Mathias Knop und Gudrun Weiss





 

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